„Hallo, sind sie Hank Ryan?“, fragt sie mit einem Zittern in der Stimme. Sie schien unsicher. Aber mir war nicht nach großen Reden und so etwas wie Empathie habe ich mir recht schnell abgewöhnt also nicke ich nur kurz und zeige mit ausgestrecktem Arm, dass sie hereinkommen und sich setzen soll.

„Danke. Entschuldigen sie die Störung, Mr. Ryan. Mein Name ist Shannon Sturm. Ich bin auf der Suche nach einem fähigen Helfer und habe von ihrem Ruf bei der Polizei gehört. Wenn man die richtigen Menschen fragt eilt ihnen ihr Ruf voraus.“ Während sie spricht, nimmt sie am alten Schreibtisch platz, legt sich ihre Handtasche auf den Schoß, legt die Hände darauf und atmet tief durch.

Ich spitze die Ohren. Erstens, da endlich wieder ein Fall reinkommt und zweitens, weil mich interessiert, wer denn so von mir schwärmt. Ich habe absolut keine Ahnung, wer das gewesen sein kann. Aber es schmeichelt mir schon ein wenig, dass ich weiterempfohlen werde.

„Was kann ich denn für sie tun, Ms. Sturm?“

Ich hatte bereits gesehen, dass sie keinen Ehering trägt. Als Ermittler entwickelt man irgendwann einen Blick für so etwas.

„Das, Mr. Ryan, lässt sich entweder lang oder kurz erklären. Es hängt ein wenig davon ab, welche Version sie hören möchten.“, sagt sie, währen sie krampfhaft versucht ein Lächeln aufzusetzen.

„Die lange Version, bitte.“

„Also gut. Ich fange einfach mal vor ein paar Jahren an. Wir, also meine Familie und ich, waren in unserem Ferienhaus in einem Naturschutzgebiet etwa eine Stunde nördlich von hier. Wir saßen eines abends zusammen und haben Fernsehen geschaut. Und plötzlich haben wir bemerkt, dass das Haus brennt. Urplötzlich stand alles um uns in Flammen.

Es war ein altes Holzhaus und die Polizei bestätigte, dass Brandbeschleuniger verwendet wurden. Unsere Familie hat kein Geld. Ich weiß also nicht wer es auf uns abgesehen hat aber er hat es ordentlich gemacht. Ein komplettes Haus in so kurzer Zeit in Brand zu stecken bedarf guter Vorbereitung“, sagt sie mit einer perfiden Anerkennung. Und die nehme ich ihr sogar ab.

„Das Schlimmste war, dass meine Schwester bei diesem Brand ums Leben gekommen ist. Entschuldigen sie die Details aber je besser sie mich verstehen, desto besser können sie mir eventuell helfen.

Ich habe gesehen, wie sie verbrannt ist. Ich stand vor dem Haus, wusste, dass sie es nicht raus geschafft hat. Aber wir konnten nichts tun ohne unser eigenes Leben zu riskieren. Auf einmal kommt etwas aus dem Flammenmeer gekrochen. Aus den Trümmern, die für uns einen ruhigen Sommer bedeuten sollten, kriecht meine Schwester. Sie schrie wie am Spieß. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was sie für Schmerzen gehabt haben muss. Die Haut hing ihr in Fetzen vom Gesicht. Der Rest war fast zur Gänze verbrannt. Ein Bild, das mich jede Nacht in meinen Träumen heimsucht.“

„Aber warum erzählen sie mir das alles, Ms. Sturm? Wie genau kann oder soll ich ihnen helfen, wenn die Polizei sich der Sache angenommen hat?“

Die Polizei hat die Suche nach dem Schuldigen recht schnell einstellen müssen, da sie keine verwertbaren Spuren gefunden haben. Ja, es wurde ein Brandbeschleuniger verwendet aber viel mehr konnten sie leider nicht sagen. Oder sie wollten es nicht. Alles in allem war die Situation sehr merkwürdig.“

Okay. Bis dahin ist es dann also klar. Wäre nicht das erste Mal, dass die Polizei irgendwelche Fälle vernachlässigt. Aber warum treten sie mit mir jetzt in Kontakt, wenn all das schon Jahre her ist?“

Sie senkt den Blick, atmet tief durch, blickt mir dann tief in die Augen und sagt: „Er ist wieder da.“

Ich kneife die Augen zu einem skeptischen Blick zusammen.
„Was macht sie da so sicher? Warum ausgerechnet er?“

„Am Jahrestag des Unglücks habe ich aus dem Fenster in Richtung Vorgarten geschaut, weil ein seltsames Licht durch mein Küchenfenster fiel. Es war ein Lagerfeuer. Irgendjemand hat ein Lagerfeuer in meinem Vorgarten angemacht. Und niemand hat etwas gesehen. Am nächsten Morgen habe ich einen Zettel in meinem Briefkasten gefunden. Darauf stand: Alles gute zum Jahrestag.“

„Und sie glauben er kommt von ihm? Warum? Der Zettel könnte von jedem sein.“

Shannon schüttelt den Kopf und erläutert: „Die Sache ging an den Medien vorbei, da das Gebiet zu abgelegen ist. Niemand, außer der Rettungskräfte wusste davon. Es kann also nur er sein. Außer einer der Feuerwehrleute oder Polizisten hat die Geschichte breitgetreten. Das glaube ich aber nicht.“

Sie beugt sich nach vorne, schaut auf einmal sehr kalt und ernst und sagt mit entschlossener Stimme: „Mr. Ryan, nur damit wir uns richtig verstehen. Ich werde sie für ihre Hilfe angemessen belohnen. Ich habe Angst. Ich habe gesehen wie meine Schwester bei lebendigem Leibe verbrennt und ihre Schreie suchen mich jede Nacht Heim. Wissen sie, wie es ist unter ständigen Alpträumen zu leiden?“

In der Tat wusste ich das. Und ich weiß nicht warum, aber ich habe das Gefühl ihr helfen zu müssen. Uns verbindet etwas. Ich habe es im Gefühl und kann trotzdem nicht sagen was.

Es werden sicher nicht die Alpträume sein. Jeder Mensch träumt mal schlecht.

Aber auf eine fast schon mysteriöse Weise habe ich das Verlangen ihr zu helfen.

„Also gut. Besprechen wir, wie wir an die Sache herangehen“, erkläre ich…