Jeden Tag begegnen wir Menschen. Das passiert unweigerlich, beeinflusst uns aber in unglaublichen vielen Arten und Weisen. Jeder einzelne Mensch hinterlässt seine Spuren nicht nur auf der Welt, sondern die, die wir treffen hinterlassen ihre Spuren in unseren Gedanken. Sind ein Teil einer Begegnung, eines kurzen Augenkontakts, eines Lächelns oder eines Satzes, der eventuell für immer im Gedächtnis der anderen bleibt.

Ich sitze nun also am Computer, höre Piano-Stücke auf Spotify und schreibe diese Zeilen, die mir vor einer Stunde noch als Gedanke durch den Kopf schossen.
Spuren. Jeder Mensch hinterlässt welche – so weit habe ich meinen Gedanken bereits ausgeführt. Was mich so oft interessiert sind die Geschichten dahinter. Ich bin durch unsere kleine Stadt gelaufen, auf den Ohren meinen Kopfhörer, im Einklang mit meiner Musik. In Gedanken versunken setzte ich einen Fuß vor den anderen und begegnete: Menschen.

Dutzende Gesichter, Personen, Ausdrücke. Und dazwischen so viele einzelne Teile eines großen Ganzen. Wie auf einem Tisch ausgebreitete Puzzleteile, die alle ihren Platz haben aber aktuell eher ungeordnet ihr eigenes Ziel verfolgen.

Ich schaue also in die Gesichter und sehe Emotionen. Dabei ist es egal ob es sich um ein Lächeln, den Ausdruck von Trauer, Wut oder Enttäuschung handelt. Einen suchenden Blick oder einen ignoranten.
Ich sehe mir manche der Menschen an und es würde mich so sehr interessieren, was sie aktuell denken. Warum guckt dieses Mädchen traurig? Was ist diesem jungen Mann passiert, dass er so glücklich aussieht. Und was beschäftigt den alten Mann, der alleine auf einer Bank sitzt, den Blick gesenkt und scheinbar versunken in seine eigene Welt?
Und genau so frage ich mich, wo all diese Menschen ihren Platz haben. Es ist quasi eine Frage nach dem Sinn des Lebens. In diesem Falle aber nicht mal unbedingt nach meinem eigenen Sinn, sondern nach dem derer, die mir begegnen.

Unweigerlich verfolgt mich dann auch der Gedanke des eigenen Platzes, des eigenen Sinnes und – was mich aktuell am meisten beschäftigt – nach den Spuren, die ICH im Leben anderer hinterlassen habe. Gibt es Menschen da draußen, die ohne, dass ich sie zu meinen Freunden und Bekannten zähle, eine Art Bild von mir im Gedächtnis haben. Einen Moment, einen ganz kurzen Augenblick, der mich für ewig in ihrem Leben verankert.
Dazu zwei kurze Beispiele:

Es ist Jahre her, ich weiß nicht mal genau, wie alt ich war, als ich im Bus saß. Ich befand mich, glaube ich zumindest, gerade in meiner visuellen Punkrock-Phase und besetzte allein eine Sitzreihe für zwei Personen, da niemand neben mir sitzen wollte. Mein Blick schweifte von Person zu Person, von Gesicht zu Gesicht und da merkte ich, dass mich eine alte Frau anschaute, die zu meiner Linken saß. Und als ich den Bus verlassen wollte weil meine Haltestelle erreicht war sah ich, dass sie mir etwas sagte. Ich zog also die Kopfhörer aus den Ohren und sie wiederholte ihre Aussage.

„Sie sind ein guter Mensch.“

Mehr hat sie nicht gesagt. Sie kannte mich nicht und wir haben vorher nie ein Wort gewechselt. Ich will ehrlich sein: Zu der Zeit fühlte ich mich wie sozialer Abschaum und hatte das Gefühl unglaublich allein auf dieser Welt zu sein. Und die einfachen Worte: „Sie sind ein guter Mensch“, haben sich so eingeprägt. Ich weiß tatsächlich nicht, wie die Frau ausgesehen hat und ich kann mich auch nicht an die Stimme erinnern. Tatsächlich weiß ich nur noch, dass sie eben diesen Satz zu mir sagte. Das ist ihre Spur in meinem Leben.

Ein anderes Mal – und das ist erst wenige Wochen her – kam ich von der Arbeit und bin mit meinem Longboard die Straße entlang gerollt. Auf dem Fußweg war eine junge Mutter mit ihren beiden Kindern. Das eine davon auf ihren Schultern. Die Mutter und das Kind waren am lachen, denn die junge Frau hat versucht so hoch zu springen, dass ihr kleiner Sohn ein Blatt von einem Baum pflücken konnte. Es haben diverse Meter gefehlt aber das ist für den Verlauf ja nicht unbedingt von Bedeutung. Es war einfach schön zu sehen, dass es noch Menschen gibt, die wie ich auch, versuchen die kleinen Momente im Leben zu genießen und das beste aus so unglaublichen Kleinigkeiten zu machen.
Im Vorbeifahren habe ich sie angeschaut, sie sah mich an und wir tauschten ein lächeln. Auch das ist ein Moment, der heute leider selten ist.

Für mich ist das eine winzig kleine Geschichte, ein minimaler Augenblick, der mir seither immer wieder in den Sinn kommt und mich daran erinnert einfach glücklich zu sein. Und auf der anderen Seite stellt sich mir die Frage, ob ich in dieser Situation so relevant war, dass diese Person auch ab und zu an den jungen Mann denkt, der auf seinem Longboard lächelnd an ihr vorbei gefahren ist.
Die Frage ob ich bei zufälligen Personen in einem unglaublich kurzen Moment meine Spuren im Sand der Zeit hinterlasse. Irgendwo am Rande des Pfades, den jemand in seinem Leben beschreitet.